
Mentoring ist vielfältig. Doch eins haben die Gesprächspartnerinnen auf jeden Fall gemeinsam: Sie haben viel um die Ohren. Also bietet sich ein digitaler Termin an. In dem stellt sich bald heraus, dass die verschiedenen Perspektiven sehr fruchtbar sein können füreinander. Doch zu Beginn eine grundsätzliche Frage: Fachlich gesprochen, was ist eigentlich Mentoring? Was steckt dahinter?
Annika Jähnke Viele Menschen haben natürliche Mentor:innen. Einen Trainer, der sie gefördert hat, eine Lehrerin, die sie zum Lesen animierte. Aber je schlechter es Menschen finanziell geht, je weniger Bildung sie haben oder je mehr sie unter Druck sind, desto weniger haben sie solche Beziehungen. Niemand sagt ihnen: „Erfüll deinen Traum, mach eine Bäckerlehre, sei mutig, geh ins Ausland.“ Mentoring versucht, diese dritte Person bereitzustellen. Es ist das persönlichste Ehrenamt, das es gibt. Und es ist extrem wirkungsvoll. Da kann ein Wissens- und Kompetenztransfer stattfinden, der Horizonte erweitert und Perspektiven erö.net. Selbst strukturelle Ungleichheiten können überwunden werden.
Was ist das Ziel des Mentorings bei BOLDLY und „Hamburger* mit Herz“?
Catari Betz Bei „Hamburger* mit Herz“ möchten wir geflüchteten Menschen gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen. Für die Integration der Mentees ist es sehr hilfreich, wenn sie einen vertrauensvollen Anker in einer Person haben, bei der sie sich öffnen können – weil da jemand ist, der ihnen Gutes will, freiwillig und aus dem Herzen heraus. Da sie oft nur wenige unmittelbare Kontaktmöglichkeiten haben in diesem Land, ist Mentoring für sie also im Grunde bereits eine tragende und wertvolle Erfahrung.
Annabelle Amha BOLDLY hat als Ziel Empowerment, Stärkung. Die jüngsten Mentees sind acht Jahre alt. Viele davon erleben aufgrund ihrer Schwarzen Identität Rassismus und sind dadurch im Alltag psychosozial herausgefordert. Die Mentor:innen kennen das als Schwarze Personen auch, und oft sind sie wenig älter. Da geht es um geteilte Lebenserfahrungen und um Vorbilder. Die Mentor:innen zeigen den Mentees, dass sie ein glückliches Leben führen und ihre eigenen Ziele verfolgen können – woraus die Mentees Kraft schöpfen können, selbst wirksam zu werden.
Warum ist das für die Mentees wertvoll?
Amha Weil die Kids gesellschaftlich gesehen sehr wenige Schwarze Vorbilder haben, zum Beispiel Lehrkräfte. Viele Mentor:innen hätten sich als Kind selbst so ein Vorbild gewünscht.
Betz Besonders wertvoll am Mentoring finde ich: Das ist nie eine Einbahnstraße. Die Mentor:innen bekommen viel zurück, vielleicht individuelle Einblicke in eine andere Kultur – und sogar einen anderen Blick auf die eigene. Und eine gewisse Sinnhaftigkeit: Sie engagieren sich und können ihr Körnchen dazu beitragen, dieser zum Teil sehr rauen Welt etwas entgegenzusetzen. Mich freut es besonders, wenn ehemalige Mentees auch Mentor:innen werden.
Amha Das gibt es bei uns auch, und das geht mir immer ganz nahe, das ist so schön. Weil die ja wissen, wie intensiv man sich kennenlernen kann.
Jähnke Ich möchte eine Sache noch ergänzen: Der deutsche Begriff für Mentoring lautet „Patenschaften“. Da denken viele sofort an christliche Taufpatenschaften. Das ist aber weit von dem entfernt, was Mentoring ist. Deshalb tendiere ich zu dem englischen Begriff. Ich finde, das Bild des Weggefährten beschreibt Mentoring am besten: Man einigt sich darauf, ein Stück des Weges gemeinsam zu gehen. Dabei guckt man zusammen auf die Karte, teilt den Proviant – und manchmal geht man vielleicht vom Wegesrand ab und guckt sich die Landschaft an oder die Tiere.
Diese Beziehung hat sehr viel Kraft und Stärke – aber sie muss begleitet werden.
Annika Jähnke | Projektleitung Landungsbrücken
Amha Ich mag das Bild. Denn viele Mentees erkennen durch die Mentor:innen überhaupt erst, wo sie Wege finden. Das ist eine Riesenwirkung von Mentoring.
Betz Ich finde es beeindruckend, wie motiviert die Mentees sind. Die müssen ja einige Hürden überwinden: Sie müssen zu uns finden, und sie müssen durch ein Aufnahmegespräch durch. Da werden sie gefragt, was sie in ihrem Heimatland gemacht haben, welche Interessen sie haben – und vor allem: welche Unterstützung sie sich wünschen. Das alles nehmen sie auf sich, trotz vielleicht geringer Deutschkenntnisse. Weil sie in den Austausch und in Beziehung gehen möchten, sie wollen sich integrieren, sie wollen ganz, ganz viel. Das beflügelt uns in unserer Arbeit sehr.
Jähnke Wir wissen, dass diese Beziehung sehr viel Kraft und Stärke hat – aber auch Gefahren in sich birgt. Denn die Beziehung, die sich entwickeln kann, ist weder Freundschaft noch nur professionell. Da können Grenzen verschwimmen. Besonders beim Kinder- und Jugendmentoring. Aber auch bei der Arbeit mit erwachsenen Geflüchteten haben Mentor:innen einen Vorsprung – einen sprachlichen, vielleicht einen wirtschaftlichen. Dieses Machtgefälle muss reflektiert werden, damit keine Abhängigkeiten entstehen. Deswegen ist es entscheidend, die Qualität im Mentoring zu sichern.
Was braucht es dazu?
Jähnke Erstens einen Auswahlprozess und eine Vorbereitung auf die Rolle als Mentor:in. Dazu eine Begleitung von Mentee und Mentor: in, wenn es zu Konflikten kommt. Und am Ende braucht es einen guten Abschluss des Mentorings, damit alle mit einem guten Gefühl rausgehen. Fachliche Begleitung ist wichtig. Durch sozialpädagogisch oder mentoringfachlich geschultes Personal.
Wie unterstützt Landungsbrücken die einzelnen Projekte konkret?
Jähnke Landungsbrücken stärkt das Engagement von Patenschaftsprojekten. Deshalb bilden wir die Koordinator:innen der Projekte weiter, wir vernetzen sie untereinander, wir fördern die Angebote finanziell. Und wir entwickeln fachliche Angebote, für die den Projekten die Ressourcen fehlen, und schließen so Lücken. Dabei spielt natürlich auch Geld eine Rolle. Landungsbrücken fördert seit zehn Jahren Mentoringprojekte in Hamburg, seit 2019 mit rund 500.000 Euro jährlich. Ermöglicht wird das durch das Programm „Menschen stärken Menschen“ des Bundesministeriums für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend und von einem Bündnis Hamburger Stiftungen.
Amha Landungsbrücken hält auch den Qualitätsstandard aufrecht, von dem wir gerade gesprochen haben. Dafür bin ich super dankbar. Wovon wir übrigens besonders profitieren, ist codo. Das ist eine Software, mit der wir Patenschaften dokumentieren und planen können. Darüber können wir ganz intuitiv alles machen, wofür wir früher fünf Excel-Dateien gebraucht haben.
Jähnke Codo ist eines von vielen Dingen, mit denen wir die Szene zusammen mit unserem Kooperationspartner Mentor.Ring Hamburg als Ganzes supporten. So eine Software haben sich viele Projekte gewünscht – ein Projekt alleine hätte das aber niemals entwickeln können. Das braucht eine Struktur, die von oben drauf guckt. Abgesehen davon, dass die Entwicklung finanziell äußerst aufwendig war.
Betz Wir wachsen gerade als Projekt und werden dabei unterstützt und begleitet – auch im Netzwerk von Landungsbrücken. Weil wir uns darin mit anderen Mentoringprojekten austauschen können und immer wieder zu Themen eine andere Perspektive bekommen und das eigene Handeln hinterfragen. Es gibt immer wieder Momente, in denen ich merke: Das ist ja spannend, das habe ich so noch gar nicht gedacht! Das finde ich extrem wertvoll.
Jähnke Den Zusammenhalt in der Szene finde ich übrigens immer wieder unglaublich. Die meisten Patenschaftsprojekte kämpfen um denselben Pool von potenziellen Ehrenamtlichen. Und potenziell um die gleichen Mittel. Eigentlich könnte man das als Konkurrenzgeschichte erzählen – aber es wird so überhaupt nicht gelebt. Es ist eine total gemeinschaftliche Szene, die sehr zugewandt ist, die sogar Mentor:innen weiterreicht, wenn sie das Gefühl haben, die passen besser in ein anderes Projekt. Das ist bei Weitem nicht selbstverständlich.
„Landungsbrücken“ ist ein Projekt der BürgerStiftung Hamburg in Kooperation mit dem Mentor. Ring Hamburg. Das Projekt wird gefördert vom Bundesprogramm „Menschen stärken Menschen“ des Bundesministeriums für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend und von einem Bündnis Hamburger Stiftungen.