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14.09.2026

Bachpatenschaft: 24 Wölfe und ein Bach

Die Kaulquappen schwimmen ungerührt vor sich hin, dabei sind sie gerade echte Stars. Neugierige Blicke überall, kleine Finger zeigen auf ihr Aquarium. Das steht mitten in einem Klassenzimmer.

Die Kinder, die um die Kaulquappen herumsitzen, sind die „Wölfe“, ein Rudel aus verschiedenen Altersstufen. Erst- und Zweitklässler:innen sind genauso dabei wie Vorschüler: innen. Die Wölfe sind aufgeregt, denn gleich geht es wieder raus in ihr Revier: Sie kümmern sich um einen kleinen Wasserlauf in der Nähe ihrer Schule hier in Lurup – um den Fangdiekgraben. Da waren sie den ganzen Winter nicht, und gleich werden sie zum ersten Mal wieder zusammen hingehen. Dass es draußen regnet? Egal! Zwischen den Schüler:innen sitzt Massimo Ardente. Der 37-Jährige ist einer von zwei Umweltpädagogen, die mit den Wölfen die Natur entdecken. „Wisst ihr noch, was wir gemacht haben, bevor der Schnee kam?“, fragt er gerade. „Wir haben Steine ins Wasser gelegt“, sagt Laila. „Damit das schneller fließt“, sagt Arthur, „für die Fische!“ „Genau“, sagt Ardente. Er erklärt, dass viele Fische es mögen, wenn es Strömung gibt im Bach. „Andere brauchen den Kies, um sich zu verstecken und ihre Eier abzulegen.“

Die 24 Wölfe sind Bachpat:innen. Seit 2011 unterstützt die BürgerStiftung Hamburg das Projekt an der Grundschule Langbargheide. Der Fangdiekgraben fließt durch eine Hochhaussiedlung, viele Familien stehen hier vor großen Herausforderungen. Da ist das Naturprojekt für viele Kinder auch ein Ausflug in eine andere Welt – und noch dazu in eine, die sie selbst besser machen können. Und in der sie etwas über die Natur lernen, während Erde an ihren Händen klebt. Dass es zum Beispiel weniger Vögel gibt, wenn weniger Insekten da sind. Dass die Insekten weniger werden, wenn keine Pflanzen mehr wachsen, deren Blüten sie naschen können. Das Thema dieses Schuljahres: die Frösche am Bach.

Ausflug in eine andere Welt

Auch im Kreis sitzt Susanne Matzen-Krüger. Noch sind ihre Haare ein wenig nass vom Regen, aber so leicht lässt sich ihre Herzlichkeit nicht rauswaschen. Sie ist seit 33 Jahren Lehrerin an dieser Schule und leitet auch den Sachkundeunterricht. „Warum legt eine Froschmama gleich so viele Eier?“, fragt sie in die Runde. „Wenn eins gegessen wird, haben die immer noch ganz viele von ihnen“, sagt Riyad. „Das stimmt, wer frisst die denn?“ „Enten“, sagt Samaira. „Und andere Frösche!“, ruft Ali. „Das ist tatsächlich wahr“, sagt die Lehrerin. „Der Wasserskorpion frisst die auch“, sagt Massimo Ardente. „Den kennt ihr von unserem Bach. Aber zum Glück bleiben immer genug Eier übrig.“

Jetzt geht es los. „Ihr geht alle noch mal auf die Toilette, hört ihr?“, ruft Matzen-Krüger, „und ihr zieht euch Regensachen an!“ Schließlich steht bereit: ein Rudel Wölfe. Zwei, drei Mütter sind auch dabei und eine Sozialpädagogin. Nächste Station: die Holzhütte. Die ist nämlich voll mit Gummistiefeln! „Wir haben mal einen Umweltpreis gewonnen“, sagt die Lehrerin und lacht. „Da hat der Schulsenator gefragt: ‚Was werden Sie von dem Geld denn kaufen?‘ ‚Na, Gummistiefel‘, habe ich gesagt! Alle haben mich angeguckt, und da habe ich gesagt: Wissen Sie, wie das ist, wenn einige der Kinder Gummistiefel haben und die anderen nicht?“ „In der Vorschule sind die Kinder noch super ausgestattet“, sagt Ardente, „später haben sie oft nur Sneaker an oder kommen in Jogginghosen.“ Während jetzt Schuhgrößen durch die Luft sausen – „ich habe noch eine 27!“, „eine 30!“ –, springen einige Kinder schon in die große Pfütze vor der Hütte. Geschrei. Lachen. Kindheit.

Der Fangdiekgraben tut den Kinder gut

Dann geht es endlich zum Bach. „Lärmen und toben wir jetzt wie im HSV-Stadion?“, fragt die Lehrerin. „Nein!“, rufen die Kinder – und laufen leise los, dem Umweltpädagogen hinterher, der eine Schubkarre mit Pflanzen schiebt, die das Bezirksamt gespendet hat. An alten Eichen geht es nun vorbei und durch den Schulhof des Goethe-Gymnasiums nebenan. Da steht eigentlich eine Statue des Dichters – die haben aber Metalldiebe in den Ferien abgesägt, es sind nur noch die Füße da. Dann läuft die bunte Karawane noch über eine Brücke, vorbei an Löwenzahn, Scharbockskraut und Hohlem Lerchensporn – und dann wartet er schon auf sie, der Fangdiekgraben. Früher war der mal wichtig, da war er der Wasserzulauf einer Mühle. In den Siebzigern wurde der Bach begradigt, seit 15 Jahren besuchen ihn die Wölfe, um ihn zu renaturieren. „Manchmal sehen wir hier sogar Eisvögel“, freut sich Ardente, „und es gibt viele Stichlinge, die den Bach hochschwimmen“.

Wir haben hier im sozialen Brennpunkt viele Kinder, die sehr belastet sind. Wenn die zu uns in die Schule kommen, haben die oft überhaupt keinen Mut und kein Vertrauen in sich selbst. Sie blühen richtig auf, wenn sie helfen dürfen. Die sind dann so stolz.

Susanne Matzen-Krüger | Lehrerin und Projektleiterin Bachpatenschaft Fangdiekgraben

„Eine kleine Idylle“, sagt die Lehrerin. Und was die Kinder hier schon alles getan haben, kann man sehen und sogar hören. „An den Stellen, wo das Wasser lauter rauscht, haben wir Strömung geschaffen“, sagt der Umweltpädagoge, „da leben Tiere, die mehr Sauerstoff benötigen.“ An anderen Stellen haben sie das Ufer bepflanzt oder Stöcke ins Wasser gehämmert. „Dort verfängt sich Laub, es entsteht ein bisschen Land“ – und der schnurgerade Graben wird wieder zum Bach. Da die Kinder über Monate immer wieder hier sind, erleben sie, was ihr Handeln bewirkt. Und sie lernen ganz direkt etwas über Zusammenhänge, Kreisläufe, die Jahreszeiten.

Wie schön es das hier nun aussieht

Im Sommer war der Graben so ausgetrocknet, da haben die Wölfe auf dem Trockenen liegende Fische in Pfützen getragen, die wären sonst gestorben. „Und was wir hier an Müll herausgeholt haben“, ruft Susanne Matzen-Krüger. Sie schüttelt den Kopf. „So viele Wodkaflaschen, Einkaufswagen, ein ganzes Trampolin! Manchmal fragen die Kinder: ‚Warum machen das die Menschen?‘ Sie sind entsetzt.“ Was sie freut: dass manchmal Anwohner:innen stehen bleiben und sagen, wie schön das hier nun aussieht: viel besser als früher. Oft bedanken sie sich dann bei den Bachpat:innen. „Wir haben hier im sozialen Brennpunkt viele Kinder, die sehr belastet sind, die auch Schlimmes erlebt haben. Wenn die zu uns in die Schule kommen, haben die oft überhaupt keinen Mut und kein Vertrauen in sich selbst, dass sie etwas lernen können.“ Oft hat die Lehrerin erlebt, wie gut der Fangdiekgraben diesen Kindern tut. „Sie blühen richtig auf, wenn sie helfen dürfen. Und hier helfen sie ja sogar dem ganzen Stadtteil! Die sind dann so stolz.“ Das Werkeln am Bach, es hilft den Kaulquappen, und es stärkt die Kinder.

Die Bachpaten kümmern sich auch um Schmetterlinge

Massimo Ardente verteilt jetzt kleine Schaufeln und Spaten – und die Pflanzen, es ist Wiesen-Schaumkraut. Die Kinder stehen an einer Blühwiese, die sie vergangenes Jahr angelegt haben. „Für wen ist die noch mal?“, fragt der Umweltpädagoge. „Für die Schmetterlinge!“ „Für die Bienen!“ „Für die Ameisen!“ „Ja, für die Ameisen auch“, sagt er und lacht. Den kleinen Garten gibt es durch die Unterstützung des Bezirksamts und weil die Bachpat:innen einer Stadtteilinitiative beigetreten sind, die „100.000 Schmetterlinge für Lurup“ heißt. Der geht es um Biodiversität und Insektenschutz, und es gibt dort Menschen mit viel Expertise, von der die Bachpat:innen profieren. So wie von der Zusammenarbeit mit dem Naturschutzbund und dem Umweltpädagogen Andreas Lampe. Ohne ihn würde es das Projekt nicht geben.

Durch den Garten laufen nun überall Kinder. Sie buddeln Löcher, befreien vorsichtig die Wiesen-Schaumkräuter aus ihren grauen Töpfchen und geben sie in die Erde. „Nicht auf die Schlüsselblumen treten!“, ruft die Lehrerin. „Hier liegt auch noch viel Laub, wer mag, kann das wegmachen“, ruft Ardente. Er gibt den Kindern das Blatt einer Pflanze, die hier wächst, und lässt sie raten, was das ist. „Zerreib das mal zwischen den Fingern und riech dran“, sagt er. „Riecht nach Raupe“, sagt Anton. Der Umweltpädagoge muss grinsen. „Ich habe jetzt den Raupengeruch nicht in der Nase“, sagt er, „aber das ist Knoblauchsrauke. Die kann man in Salat machen, aber ich würde die nicht pflücken, weil hier zu viele Hunde wohnen, die gerne mal im Garten ihr Geschäft machen.“ „Und ihr dürft sowieso keine Pflanzen in den Mund nehmen“, ruft Susanne Matzen- Krüger, „manche sind vielleicht giftig, hört ihr?“

Es macht den Wölfen Spaß, das Leben am Bach.

Auch wenn manchmal ein Kind weint, weil es sich gestoßen hat. Oder weil es zu kalt angezogen ist – dann bekommt es eine Decke. Von Weitem hört man die Kinder jetzt rufen: „Nektar! Raupen! Nein! Blätter!“ Das sind die Antworten in dem kleinen Schmetterlings-Quiz, das die Lehrerin gerade mit ihnen gespielt hat. Die Fragen: Jeder Schmetterling hat einen Rüssel – was trinkt er damit? Was sind Schmetterlinge als Babys? Trinken die auch Nektar? Und was fressen die? Wieder was gewusst, wieder was gelernt. Die nächste Attraktion des feuchten Tages: Regenwürmer! Immer wieder bringt ein Kind einen Wurm zu Massimo Ardente. „Richtig gute Erde haben wir hier“, sagt er, „leg den am besten ins Gras, sonst machen wir ihn noch platt.“

Wer als Kind die Natur nicht lieben gelernt hat, macht das als Erwachsener leider kaum mehr.

Susanne Matzen-Krüger

Eigentlich hat er in einem Reisebüro eine Ausbildung gemacht – und hat dort vor allem eins gelernt: dass er in einem Büro nie glücklich wird. Nun ist er als Umweltpädagoge meistens draußen in der Natur, und die Arbeit mit den Bachpat:innen begeistert ihn immer wieder. „Es ist wunderschön, wenn man einen Samen pflanzen kann in den Kindern“, sagt er. Und Susanne Matzen-Krüger sagt: „Wer als Kind die Natur nicht kennen- und lieben gelernt hat, wird das als Erwachsener auch nicht mehr machen. Das finde ich sehr traurig.“ Durch die Bachpatenschaft kommt sie auch manchmal mit den Eltern der Kinder ins Gespräch. „Ich erlebe es häufiger, dass Kinder mir erzählen, dass sie am Wochenende mit Mama am Fangdiekgraben waren.“ Das freut sie. Jetzt deutet sie auf eine Pflanze am Ufer. „Was ist das?“, fragt sie Ardente. „Das ist Bach-Nelkenwurz“, antwortet der. Wieder was gelernt. Nun geht es zurück in die Schule. Tschüss, kleiner Bach, bis nächste Woche! Jetzt gibt es erst einmal was zu essen, dann geht es zurück ins Klassenzimmer zu den Kaulquappen. Wenn die wüssten, was die Wölfe alles zu erzählen haben von ihrem Ausflug an den Fangdiekgraben!

 

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