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Online-Publikation

Publikation #1

Menschen auf der Flucht

Mentoring im Spannungsfeld von Diskriminierung und Ungleichbehandlung von Fluchtgruppen

Aller Voraussicht nach werden wir in den kommenden Jahren und Jahrzehnten beständig mit der Herausforderung umgehen müssen, Menschen in Deutschland Schutz zu bieten. Unsere gesamte Gesellschaft wird noch stärker als gegenwärtig vor der Aufgabe stehen, Geflüchteten eine echte Ankommens- und Bleibeperspektive zu geben. Patenschaftsprojekte spielen dabei bereits jetzt eine zentrale Rolle. Denn sie tun viel mehr als Hilfestellung bei praktischen Problemen zu geben: Mentor:innen und Mentees gestalten gemeinsam eine Beziehung, die auf gegenseitige Unterstützung aufbaut und so dabei hilft, strukturelle Probleme individuell zu lösen.

Resonanzraum für alle Probleme

Patenschaftsprojekte sind deshalb aber auch ein Resonanzraum für alle Herausforderungen, die es rund um die Themen Asyl und Einwanderung gibt. Diskriminierung aufgrund von Herkunft und rassistische Ausgrenzung sind Probleme, die die gesamte Gesellschaft betreffen. Vor dem Hintergrund der aktuellen Fluchtbewegungen werden sie besonders sichtbar und  innerhalb von Patenschaftsprojekten zusehens zu einem Reizthema

Die Regeln müssen r alle Geflüchteten gleich gelten, egal wann oder woher sie kommen.

Anne Thaker | Herzliches Lokstedt

Politische Entscheidung stellen Patenschaftsprojekte vor Probleme

Politische Entscheidungen führen dazu, dass es unterschiedliche Rahemnbedingungen für verschiedene Fluchtgruppen gibt, die zu Benachteiligungen führen. Patenschaftskoordinator:innen versuchen ungleiche Verhältnisse abzuschwächen. Aber der Fokus der staatlichen und gesellschaftlichen Hilfsbereitschaft auf ukrainische Geflüchtete, macht es Patenschaftsprojekten zunehmend schwer, allen Schutzsuchenden die gleiche Unterstützung zukommen zu lassen. Ändern können Patenschaftsprojekte die strukturellen Unterscheidungen nicht. Sie können dennoch ihren Teil dazu beitragen, Menschen unabhängig von ihrem Herkunftsland zu unterstützen.

 

> 50.000

Geflüchtete kamen 2022 nach Hamburg

 

Wie umgehen mit Ungleichbehandlung

Unsere Praxistipps geben Mentor:innen und Patenschaftsprojekten eine Unterstützung, mit schwierigen Situationen, die aus der Ungleichbehandlung von Fluchtgruppen entstehen, umzugehen. Wir lassen Betroffene zu Wort kommen – Mentees wie Mentor:innen – und versuchen das vielschichtige und komplexe Problem von rassistischer Ungleichbehandlung fassbar zu machen. Wir möchten die Patenschaftsszene dadurch stärken. Keinesfalls wollen wir relativieren, dass es natürlich die Geflüchteten selbst sind, die zuvorderst und besonders schmerzlich unter Rassismus und Ungleichbehandlung leiden. 

Wenn Ehrenamtliche zunächst nur Menschen aus der Ukraine unterstützen wollen, nehmen wir dieses Engagement mit und erklären ihnen dann, dass es ja auch noch andere Menschen gibt. Damit kann man arbeiten.

Bettina Sobczak | basis&woge

Diskriminierung in unserer Gesellschaft

Wenn Geflüchtete Diskriminierung in Deutschland erfahren, hat das für Patenschaftsprojekte mehrere Dimensionen. Zum einen müssen sie organisatorisch eine einseitige, vornehmlich auf Ukrainer:innen gerichtete Hilfsbereitschaft innerhalb ihrer Projekte auffangen. Andererseits müssen sie Vorurteile und rassistische Aggressionen gegenüber ihren nicht-weiß gelesenen Mentees abfedern und begleiten. Beides sind große Herausforderungen, auf die es keine einfachen Antworten gibt und die auch emotional sehr fordernd sein können.

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Situation von Drittstaatsangehörigen

Herausforderung Behörde

2015/2022: Ein Vergleich

Wenn außergewöhnlich viele Geflüchtete nach Deutschland kommen, trifft ein großer Bedarf nach schneller Hilfe auf knappe Ressourcen. Gesetzgebung, Behörden und Zivilgesellschaft stellt das zwangsläufig vor ein Dilemma. Die Patenschaftsszene fühlte sich bei vielen Probleme an das Jahr 2015 erinnert. Ein Vergleich zweier Krisen – und der gesellschaftlichen Reaktion darauf.

 

2015 war die Solidarität enorm. Heute lassen sich nicht mehr so viele ehrenamtliche Helfer mobilisieren wie damals.

Stephan Peiffer, Welcome to Barmbek

Praxishilfen

Der Umgang mit Ungleichbehandlung und Diskriminierung im Patenschaftsprojekt

Für Patenschaftskoordinator:innen

Wie kann ich Ehrenamltiche ermutigen, auch für Menschen aus anderen Herkunftsländern als der Ukraine offen zu sein?

Menschen, die sich aufgrund des Krieges in der Ukraine als Mentor:in engagieren möchten, beschäftigen sich möglicherweise zum ersten Mal intensiver mit Migrationsthemen. Nehmen Sie sich deshalb die Zeit, um in einem Gespräch   die Fragen und Beweggründe der Ehrenamtlichen zu klären und die Rolle als Mentor:in zu erläutern. Darin können sie für die Herausforderungen und die Bedarfe aller Geflüchteten sensibilisieren. Verweisen Sie dabei auch auf die Grundsätze und die Trägerorganisation des Projekts. Sollte es nötig sein, stellen Sie klar, dass das Herkunftsland des Mentees kein Auswahlkriterium für eine Patenschaft sein kann.

Über das Einzelgespräch hinaus können Sie niedrigschwellige Informations- und Austauschmöglichkeiten anbieten. Workshops zu Machtdynamiken können zu einer intensiveren Auseinandersetzung mit der eigenen gesellschaftlichen Position anregen.

Meist nehmen Mentor:innen solche Angebote dankbar auf, insbesondere dann, wenn sie zum ersten Mal Pat:in sind. Thematisch passende Filme, kurze Videos oder Podcasts können Diskussionsrunden einleiten. Die folgenden Informationsmaterialien sind Beispiele für niedrigschwellige Zugänge zum Thema:

  • Tupoka Ogette hat den Bestseller „exit RACISM“ geschrieben, in dem sie ihre Leser:innen bei ihrer möglicherweise ersten Auseinandersetzung mit Rassismus begleitet. Und das ohne erhobenen Zeigefinger.
  • Im arte-Talk „Rassismus kommt selten allein“ spricht die Aktivistin und Politologin Emilia Roig darüber, wie sich Rassismus im Alltag mit anderen Arten der Diskriminierung überschneidet und wie sich Macht und Unterdrückung erkennen lassen.
  • In In unserer Podcast-ReiheZweisam – Patenschaften im Gespräch“ tauschen sich Menschen aus, die sich über ihr ehrenamtliches Engagement gefunden haben und reflektieren über ihren gemeinsamen Weg.
Wie gehe ich mit Frust von Mentor:innen und Mentees über die Ungleichbehandlung von Geflüchteten um?

Zunächst ist Frust oder der Ärger über Ungleichbehandlung und Rassismus nachvollziehbar  und Menschen, die damit konfrontiert sind,  haben ggf. das Bedürfnis, darüber zu sprechen. Wenn Sie über langjährige Erfahrungen in der Arbeit mit Geflüchteten verfügen, vergleichen Sie die aktuelle Situation z.B. mit der Lage 2015/2016. Welche Muster wiederholen sich? Aber auch: Was läuft mittlerweile besser als damals? Welche Lehren konnten Sie damals aus der Krise ziehen? Und was unternimmt Ihre Organisation bereits gegen Diskriminierung? Wichtig ist, dass Sie bei all diesen Lösungsansätzen darauf achten, die erlebte Diskriminierung nicht zu relativieren oder kleinzureden.

Es kommt vor, dass sich Geflüchtete selbst diskriminierend gegenüber Geflüchteten anderer Herkunft äußern. Wie soll ich damit umgehen?

Machen Sie sich klar, dass die strukturellen Rahmenbedingungen, die den Alltag der Geflüchteten bestimmen, dazu führen können, Feindseligkeiten zu schüren. Die Konkurrenz um begrenzte Ressourcen wie Wohnraum, Sozialleistungen oder Zugang zu Informationen erzeugt einen Druck, der Vorurteile schüren und Menschen gegeneinander aufbringen kann.  

Machen Sie deutlich, wie die Haltung Ihres Projekts zu diesem Thema ist, nämlich dass abwertendes und aggressives Verhalten im Rahmen Ihres Projekts nicht geduldet wird. Wenn ein solches Verhalten auf einzelne Personen zurückgeführt werden kann, suchen Sie mit diesen das Gespräch. Versuchen Sie herauszufinden, ob sich in dem feindseligen Verhalten eigene Ängste und Sorgen kanalisieren. Versuchen Sie im Gespräch den Ursprung dieses Verhaltens zu ergründen und widmen Sie Ihre Aufmerksamkeit dann den Ursachen. Womöglich können Sie die geäußerten Ängste so etwas abmildern. 

Für Mentor:innen

Mein:e Mentee fühlt sich benachteiligt, weil sie oder er sieht, welche Unterstützung Ukrainer:innen erfahren. Wie gehe ich damit um?

Stellen Sie sich auf die Seite Ihrer:s Mentees und drücken Sie Ihre Solidarität aus. Machen Sie deutlich, dass auch Sie die Ungleichbehandlung wahrnehmen, dass Sie selbst aber Ihre:n Mentee nicht als Vertreter:in eines Herkunftslandes wahrnehmen, sondern als individuellen Menschen. Hören Sie zu und nehmen Sie die Äußerungen Ihrer:s Mentee ernst, ohne aber Ihre eigene Wut über das  Erzählte in den Mittelpunkt zu stellen. Machen Sie deutlich, dass für Sie die Unterstützung Ihrer:s Mentee das Entscheidende ist und dass Ihr Mentee deshalb mit ihrer:seiner Situation nicht allein ist. Zeigen Sie Zuversicht.

Darauf aufbauend können Sie erklären, wie die ungleiche Situation zustande kam, dass die Anwendung der sogenannten Massenzustrom-Richtlinie“ auf EU-Ebene entschieden wurde und dann im deutschen Recht angewandt wurde. Überlegen Sie in der Patenschaft gemeinsam, ob sich im Kleinen ein Impuls dagegen setzen lässt. Fragen Sie sich, wo Handlungsmöglichkeiten bestehen, die es Ihrer:m Mentee erlauben, ihre oder seine Interessen weiter zu verfolgen.

Für den Kontext der Schule gibt Rassismusforscher Karim Ferei Hinweise, wie das Thema der Ungleichbehandlung konstruktiv aufgegriffen werden kann.

Ich habe erlebt, dass mein:e Mentee aufgrund von Vorurteilen ihr:ihm gegenüber auf der Straße angepöbelt wurde. Ich würde sie:ihn gerne darauf ansprechen, weiß aber nicht wie.

Schaffen Sie sich gemeinsam einen Raum, in dem belastende Erfahrungen besprochen werden können. Das kann ein Besuch im Café oder das Zusammensitzen nach dem gemeinsamen Kochen sein. Hören Sie im Gespräch vor allem Ihrer:m Mentee zu. Stellen Sie Ihre eigene Wut über die geschilderte Erfahrung Ihres:r Mentee nicht in den Mittelpunkt. Relativieren Sie die Erfahrungen Ihrer:s Mentee nicht oder spielen diese herunter. Fragen Sie vielmehr, welche Unterstützung sich Ihr:e Mentee wünscht. Bedenken Sie, dass auch Ratschläge als übergriffig empfunden werden können, vor allem dann, wenn der Mentee gerade nur seine Gefühle schildern möchte. 

Ein solches Gespräch benötigt einen geschützten Ort und genügend Zeit, aber auch eine belastbare Beziehung in der Patenschaft – und etwas Mut. Denn es bleibt eine Herausforderung, schwierige Themen anzusprechen. Wenn aber ein Vertrauensverhältnis zwischen Ihnen und Ihrem Mentee besteht, sollten Sie sich nicht davor scheuen, Diskriminierungserfahrungen anzusprechen.